Sind wir nicht alle ein bisschen?

Kolumne Gemeinsam leben | Januar

„Also, für mich bist du gar nicht behindert!“ Das sagen Menschen oft, wenn sie mir ein Kompliment machen wollen. Als wäre „behindert“ ein Makel – etwas, das man auf keinen Fall sein sollte. Ein Adjektiv, das ich für mich nicht nutzen soll, weil so schlimm ist es ja nicht – sagen sie. Vielen Menschen, die selbst nicht behindert werden, scheinen einen inneren Drang zu haben, Behinderung zu relativieren. Ihrem Gegenüber versichern zu wollen, dass mit ihm oder ihr schon alles in Ordnung ist – na, und wenn sie das sagen, dann wird das schon so sein, oder?

Umgekehrt sind andere bestrebt, in den Club aufgenommen werden zu wollen. „Also, ich trage ja auch eine Brille – sind wir nicht alle ein bisschen behindert?“ Nein, das sind wir nicht. Denn mit einer Brille – und ich spreche aus eigener Erfahrung – ist es im Regelfall unproblematisch, in eine Straßenbahn einzusteigen, Geld abzuheben, eine Arztpraxis zu finden und auf eine Regelschule zu gehen. Inklusion ist eine Utopie, die wir nicht zur Realität machen, indem wir sie fröhlich wegignorieren. Wir müssen Menschen mit Behinderungen als Individuen wahrnehmen, die alle ihre eigenen Bedürfnisse und Herausforderungen haben. Und nur, wenn wir eine Behinderung als das anerkennen, was sie ist – nämlich auch ein gesellschaftlich-strukturelles Problem, können wir Inklusion herstellen.

Ich war auf einer Regelschule. Auf einem stinknormalen Gymnasium versuchte ich die Zeit mehr schlecht als recht totzuschlagen und schloss meine Schulzeit mit einem Abitur ab, dessen Notendurchschnitt ich hier mal verschweige. Was weniger mit meinem Kleinwuchs, sondern mehr mit meinem Talent für’s Prokrastinieren zu tun hatte. Spoiler: Medizinerin wäre ich in zwanzig Jahren nicht geworden. Wollte ich aber auch nicht. Was ich wollte, war die Bühne. Seit der siebten Klasse spielte ich in der Theater-AG mit. Ich schauspielerte, baute Bühnenbilder, schminkte meine Mitschüler*innen und verkaufte die Eintrittskarten. Ich lebte und liebte das Theater. Was sollte ich also anderes werden als Schauspielerin? Alles. Denn, was mir erst auffiel, als ich mich über den Beruf informierte: Es gab keine kleinwüchsigen Schauspielerinnen. Es gab keine kleine Julia, keine kleine Medea, keine kleine Helena. Ich konnte mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass ein Regisseur mich besetzen würde – außer für den Zwerg und, wenn es eine Rolle gab, die ich nicht spielen wollte, dann war es diese. In unserer AG spielte ich wie selbstverständlich alle Rollen – die Liebhaberin, die Hexe, die Anwältin – meine Größe war gar kein Thema. Es wurde nur zum Thema, wenn es darum ging, mir meine Teilnahme so angenehm wie möglich zu gestalten. Wie hoch dürfen die Stufen sein? Wie kriegen wir die Kussszene hin, ohne, dass sie albern aussieht? Wer kürzt das Kostüm? Das war Inklusion in Reinform – ohne, dass wir das jemals hätten diskutieren müssen.

Ganz oft höre ich in Gesprächen mit Eltern, dass ihre Kinder aufgrund einer Einschränkung in Kitas, Sportvereinen oder Spielrunden abgelehnt werden. Immer mit der Begründung, dass man eben nicht wisse, wie das gehen solle und auf solche Umstände nicht vorbereitet sei. Nun. Wenn ich nicht weiß, wie etwas geht, dann frage ich einfach nach. Meine Erfahrung nach 35 Jahren mit Kleinwuchs ist: Es geht immer, irgendwie. Man muss nur einfach machen.

Wenn Menschen auch die nächsten 2.000 Jahre in ihren Blasen verweilen, bleiben Diversität und Inklusion hübsche Stichwörter, die sich gut machen, um mal einen Förderungsantrag bewilligt zu bekommen, die aber niemals Realität werden. Die unbedingte Überzeugung, dass alle Menschen gleichberechtigt am gesellschaftlichen Leben teilhaben können müssen, kann nur entstehen, wenn Menschen von klein auf lernen, dass das möglich ist. Wenn ihnen Inklusion vorgelebt wird. Kinder lernen schnell – und wenn sie lernen, dass es toll ist, einen diversen Freund*innenkreis zu haben – dass es sogar ganz selbstverständlich sein sollte – leben sie dies auch viel leichter im Erwachsenenalter.

Vor einiger Zeit traf ich auf einer Veranstaltung ein Mädchen. Sie war vielleicht neun oder zehn Jahre alt. Sie schaute mich erst lange und konzentriert an. Versuchte wohl, einzuordnen, wen und vor allem was sie sah. Dann kam sie auf mich zu, sagte mir ihren Namen und fragte nach meinem. Allein für diesen Gesprächseinstieg hätte ich sie knuddeln können – sie stellte sich erst einmal und sprach mich nicht gleich auf das offensichtliche an. Dann überlegte sie: „Warum bist du so klein?“ Ich erklärte ihr das, was ich Kindern immer erklärte: Dass es große und kleine Menschen gäbe und man bei mir nicht wüsste, warum ich so bin, wie ich bin. Dass es verschiedene Kleinwuchsformen gäbe und die Leute ganz normal seien – nur eben kleiner als der Durchschnitt. Sie überlegte eine Weile und fragte mich dann: „Und, bist du glücklich damit?“ Und damit reagierte sie philosophischer und feinfühliger als jeder Erwachsene vor ihr. Ich antwortete erstaunt: „Ja, inzwischen schon.“ „Na, dann ist ja gut!“, rief sie erfreut und lief davon. Es könnte alles so einfach sein.

„Behindert“ darf 2019 ein Schimpfwort mehr sein. Es darf kein Wort sein, das wir mit negativen Eigenschaften verbinden. Kein Wort, das wir krampfhaft versuchen, zu vermeiden und uns deshalb in alberne Euphemismen flüchten. Wir sind nicht behindert, wir werden behindert. Versuchen wir, die Gesellschaft so barrierearm wie möglich zu machen – und dabei allen ins Gesicht zu schreien, dass „behindert“ nichts anderes heißt als „Ich bin nicht das Problem“.

Ninia „LaGrande“ Binias ist Autorin, Moderation und Slam Poetin aus Hannover. Sie produziert verschiedene Podcast-Formate und schreibt für On- und Offline-Medien. Als Aktivistin engagiert sich Binias für intersektionalen Feminismus und Inklusion. Dafür wurde sie mehrfach ausgezeichnet. Aktuell ist sie Vorsitzende des Beirats zur Bewerbung Hannovers als Kulturhauptstadt 2025 und vertritt dort die Interessen von Menschen mit Behinderung.

Mit freundlicher Genehmigung von Ninia „LaGrande“ Binias

Moderatorin | Autorin
Teichstraße 1
30449 Hannover

Kontakt: ninialagrande@gmail.com

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